Ansprache von Prinzessin Laurentien bei der Entgegennahme des »Kleinstaatenpreises« in Salzburg, 25. Juli 2010

Sehr verehrter Herr Vizekanzler Dr. Busek,
sehr verehrter Herr Senator Prof. Dr. Batliner,
sehr verehrte Frau Landeshauptfrau Burgstaller,
sehr verehrter Herr Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Haslauer,
sehr verehrter Herr Generalmusikdirektor Welser-Möst,
sehr verehrte Gäste,
meine Damen und Herren - guten Morgen!

Für meinen Mann und mich ist es eine große Freude und Ehre, heute bei Ihnen zu sein. Für Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft möchten wir uns herzlich bedanken. Was für eine schöne Gelegenheit, die Salzburger Festspiele zu erleben - ein unvergleichliches kulturelles Erlebnis, das so viele Menschen aus Europa und aller Welt berührt und fasziniert.

Als Präsidentin der Europäischen Kulturstiftung ECF freue ich mich natürlich sehr über den Anlass unseres Besuches hier in Salzburg. Die Nachricht, dass wir mit dem Europapreis ausgezeichnet werden sollen, hat uns mit großer Dankbarkeit und Demut erfüllt. Es ist ein enormer Ansporn für unsere Organisation, dass wir uns in die Riege der renommierten Preisträger einreihen dürfen. Mehr noch, Ihr Europainstitut und die ECF haben viel gemeinsam - zum Beispiel den starken Wunsch, die Vielfalt in Europa zu fördern, die Anerkennung des Beitrags und der Rolle kleinerer Länder und das Wissen um die Bedeutung der Pflege von Minderheitensprachen.

Unsere beiden Organisationen verbindet das gemeinsame und persönliche Engagement für Europa und für die Kultur. Die ECF wurde vor über fünfzig Jahren aus dem Gedanken heraus gegründet, dass die Kultur beim Aufbau Europas eine wesentliche Rolle spielt. Europa spricht den Kopf wie das Herz an. Gleiches gilt für die Kultur. Sie erlaubt es uns in all ihren Formen und Facetten, die gesellschaftlichen Herausforderungen auf ungewöhnliche Weise zu reflektieren und auszudrücken.

Europa ist viel mehr als nur Märkte, Wettbewerb und Wirtschaftswachstum. Europa ist ein Treffpunkt für Anschauungen, Erinnerungen und gemeinsame Zukunftsentwürfe. Der Gründungsgedanke ist heute so aktuell wie vor fünfzig Jahren. Doch wie wir alle wissen, hat sich der Kontext, in dem wir leben und arbeiten, grundlegend verändert. Wir leben heute in einem völlig anderen Europa - ja einer anderen Welt - als vor fünfzig, zwanzig, zehn oder noch weniger Jahren.

Der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors hat sich vor kurzem über Europa und die Finanzkrise geäußert. Er sagte: "La construction européenne est dans une situation qu'elle a déjà connue, parce que cela n'a jamais été un long fleuve tranquille." (Die Situation ist nicht neu. Der europäische Einigungsprozess war nie ein vor sich hinplätschernder Fluss.) Und tatsächlich, die Turbulenzen sind nicht zu übersehen. Auf die Frage, was Europa jetzt brauche, antwortete Delors: "Disons que les pompiers ont agi et que l'on attend les architectes." (Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die Feuerwehr hat ihre Arbeit getan, jetzt sind die Architekten dran.)

Aber wer sind diese "Architekten", die wir jetzt in Europa brauchen? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es ist schon schwer genug, den eigenen, nationalen Kontext zu verstehen. Und Europas soziale und kulturelle Landschaft ist ständig in Bewegung. Wissen wir eigentlich, was es heißt, Europäer zu sein? Immer wieder hinterfragen wir unsere Identität und Identitäten, genauso wie unsere Fähigkeit, uns diese Vielfalt zunutze zu machen. Mir scheint, dass die Gesellschaft heute so komplex ist wie nie zuvor. In den letzten zwanzig Jahren sind die Migrationsströme weltweit immer umfangreicher geworden, wobei sie aus immer mehr Regionen in immer mehr Regionen fließen. Das Ergebnis sind völlig neue, dynamische und zunehmend komplexe soziale Gefüge. Die Kultur Europas kennzeichnet sich durch die Entwicklung neuer Entitäten, neuer sozialer Strukturen und neuer Identitäten.

Parallel dazu erleben wir, wie im Zuge digitaler Entwicklungen neue Realitäten entstehen. Fest steht, dass der digitale Kontext die Art und Weise beeinflusst, wie wir miteinander umgehen. Er hat auch Auswirkungen auf die Form, in der wir Wissen erwerben und vermitteln, und möglicherweise sogar auf Machtstrukturen.

Je nachdem, aus welcher Perspektive wir diese Veränderungen und Entwicklungen betrachten, nehmen wir sie entweder als bedrohlich oder als inspirierend wahr. Auf jeden Fall stellen sie unsere "alte" Vorstellung von Europa auf die Probe. Europa ist nicht länger das Projekt einiger weniger, sondern eine Realität, die uns alle angeht. Es braucht natürlich Führung. Und wir alle sind aufgerufen, uns einzeln und mit anderen zusammen für ein dynamisches, nachhaltiges und soziales Europa einzusetzen.

Vielleicht können wir uns dabei von der jüngsten Generation engagierter Europäer inspirieren lassen. Etwa von den jugendlichen Mitgliedern der Danube Foundation: "Dreaming is possible again; we have to claim Europe and shape it with our own ideals and stories. Engagement with other Europeans and the exchange of ideas are essential for creating shared stories and leaving our prejudices behind." (Wir können wieder träumen; wir müssen Europa zu unserem Projekt machen und es nach unseren Idealen und Geschichten formen. Wichtig ist der Kontakt zu anderen Europäern und der Austausch von Ideen und Gedanken, wenn wir Vorurteile überwinden und gemeinsame Geschichten erzählen wollen.) Wir von der European Cultural Foundation sind überzeugt, dass die Stimmen und Geschichten junger Europäer tatsächlich wichtige Bausteine für Europas Zukunft sind. Bausteine, die wir dringend brauchen, um negativen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken, die in Angst und Ausgrenzung wurzeln. Ich glaube also, dass wir unsere neuen Architekten in der jüngsten Generation suchen sollten.
Meine Damen und Herren, damit komme ich wieder zu der heutigen Preisverleihung und dazu, wie wir das großzügige Preisgeld einsetzen möchten - ganz im Sinne der Stifter, wie wir hoffen.

Im Verlauf der vergangenen fünfzig Jahre war die ECF immer auf der Suche nach "europäischen Geschichten", um aufzuzeigen, was Europa eigentlich ist. Wir haben viele Geschichten gehört. Die Gedanken und Erfahrungen junger Leute spielen eine ganz besondere und wichtige Rolle, wenn es darum geht, europäische Geschichten zu erzählen. Unser Ziel ist es, für ein besseres Verständnis von Europa und von unserem Platz darin zu werben. Wir wollen den Austausch von Geschichten befördern und die Erfahrungen der älteren Generationen näherbringen. Vor diesem Hintergrund entwickelt die ECF seit vielen Jahren Projekte und fördert Organisationen, die sich mit dem Thema Jugend und Medien befassen.

Junge Menschen leben und er-leben Europa anders als ihre Eltern oder gar ihre Großeltern. Junge Europäer sind, was Grenzen und Einschränkungen angeht, mit einer anderen Realität aufgewachsen. Heute können wir uns in der Europäischen Union frei bewegen. Auch die großen digitalen Entwicklungen kennen keine Grenzen. Die junge Generation erlebt die politischen, geographischen und sprachlichen Grenzen in Europa ganz anders.

Junge Europäer haben selbst nie die Erfahrung gemacht, in der EU eine echte Grenze zu passieren. Stattdessen pflegen sie neue Formen der direkten und grenzenlosen Kommunikation. Sie nutzen die neuen Medien täglich und für die unterschiedlichsten Zwecke: um etwas zu kommentieren, zu kritisieren, sich auszutauschen, in Kontakt zu kommen, sich darzustellen, Fragen zu stellen - und zu träumen.

In den nächsten Jahren werden wir bei der ECF die Unterstützung junger Denker und Meinungsmacher zu einem Schwerpunkt unseres Jugend- und Medienprogramms machen. Mit Videos als Ausdrucksform sollen sie ihre Gedanken über Themen artikulieren, die die jungen Leute in ihren Communitys beschäftigen. Unsere Rolle besteht darin, diese Perspektiven zu erweitern und sie als Werkzeuge für eine neuartige Kommunikation über Europa zu nutzen. Teils direkt, teils über unsere Partner im kulturellen Bereich wollen wir diese Erfahrungen weiterreichen - an andere junge Europäer, aber auch an Vertreter der Politik und andere einflussreiche Akteure inner- wie außerhalb der EU. Um diesen Stimmen bei einem breiteren Publikum Gehör zu verschaffen, wollen wir diese Beiträge, die am kleinen Computerbildschirm entstanden sind, buchstäblich auf die große Leinwand bringen. Dabei werden wir mit dem International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA), dem weltgrößten Dokumentarfilmfestival, zusammenarbeiten sowie mit einem niederländischen Fernsehsender, der im Dokumentarbereich auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

Außerdem werden wir in den kommenden Jahren die Entwicklung eines Netzwerks für junge Videomacher und Videoblogger in ganz Europa fördern - von Island bis nach Serbien und darüber hinaus. Ihre Arbeiten werden weltweit online übertragen und in fünf europäischen Ländern im Fernsehen ausgestrahlt.

Das Motto eines unserer Partner lautet: "Discovering the world through local eyes". Genau dieses Ziel verfolgen wir, wenn wir Ihr Preisgeld in unser Jugend- und Medienprogramm investieren, an dem viele Partner beteiligt sind. Wir sind davon überzeugt, dass diese jungen Stimmen aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Wirkung nicht verfehlen werden und dass sie dazu beitragen können, neue europäische Geschichten zu erfinden und zu erzählen. Indem wir sie unterstützen und ihre Botschaft weitertragen, hoffen wir, den Blick möglichst vieler Menschen für den kulturellen Reichtum Europas zu öffnen.

Das mit der heutigen Auszeichnung verbundene Preisgeld erlaubt es uns, die kreative Entwicklung und das kritische Denken junger Europäer zu fördern. Indem wir die Medien und die digitalen Möglichkeiten optimal nutzen, können wir Europa und die ganze Welt mit diesen frischen Sichtweisen bekanntmachen. Wir werden alles tun, um diesen inspirierenden und bislang ungehörten Stimmen Gehör zu verschaffen.

Meine Damen und Herren, an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal für die Auszeichnung mit diesem Preis herzlich bedanken. Ich möchte schließen mit dem inspirierenden Motto des Herbert-Batliner-Europa-Instituts, das wir alle unterschreiben sollten: Wir wünschen uns ein offenes und demokratisches Europa, an dem jeder teilhat und das den Herausforderungen innerhalb und außerhalb seiner Grenzen gewachsen ist.

Ich danke Ihnen.