Tischrede Seiner Majestät König Willem-Alexander beim Mittagessen, gegeben vom Ministerpräsidenten des Freistaats Sachsen, Stanislaw Tillich, Leipzig

Herr Ministerpräsident,
Frau Tillich,
meine Damen und Herren!


Für meine Frau und mich ist es eine große Freude, hier in Leipzig zu sein.

Herr Tillich, ein halbes Jahr nach unserer Begegnung in Den Haag sehen wir uns heute wieder. Sie besuchten uns damals als Bundesratspräsident, und in dieser Funktion repräsentierten Sie die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Heute aber gilt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit Sachsen! Ihrem wundervollen Freistaat, dessen Ministerpräsident Sie nun schon seit neun Jahren sind.

Hier in Leipzig begegnet man auf Schritt und Tritt den Spuren einer bewegten Geschichte. Einer Geschichte, die noch immer wehtun kann. Aber auch einer Geschichte, die die europäische Kultur bereichert hat um Klänge und Ideen, die das Herz erheben. Hier komponierte Johann Sebastian Bach seine größten Werke. Hier gründete Felix Mendelssohn die erste Musikhochschule Deutschlands. Hier stand die Wiege Gottfried Leibniz’.

Leipzig ist auch für mich persönlich ein besonderer Ort: der Ort, an dem ich zum allerersten Mal mit dem Osten Deutschlands Bekanntschaft machte. Als Pilot für Martinair war ich hier kurz nach der Wende, die hier im Oktober 1989 begonnen hatte. Überall las man »Leipzig – Heldenstadt«, und die Menschen strahlten vor Stolz. Ich erinnere mich, dass die ganze Stadt wie elektrisiert war, die Erregung war mit Händen zu greifenänhHänden. Es waren drei Tage, die ich niemals vergessen werde.

Wir haben gestern und heute viele besondere Menschen in dieser Stadt kennengelernt. Tief beeindruckt hat uns die Begegnung mit einer Gruppe von Bewohnern in Grünau heute Morgen. Einige von ihnen wohnen schon seit vierzig Jahren in der Siedlung. Sie erzählten vom Leben in der DDR und von den schwierigen Jahren nach der Wende, als viele wegzogen und die Zurückgebliebenen sich zunehmend verwaist fühlten. Welchen Mut und welches Durchhaltevermögen haben die Bewohner dieses Stadtteils an den Tag gelegt! Dank des Engagements vieler geht es jetzt Schritt für Schritt immer besser.

Auch unser Besuch im Spinlab war eine ganz besondere Erfahrung. Ein phantastisches Symbol für die Innovationskraft dieser Stadt! Was einst die größte industrielle Baumwollspinnerei Europas war, ist heute ein Ort, an dem an kreativen Ideen und Kulturunternehmertum gestrickt wird. Großartig!

Sachsen gehört zu den östlichsten deutschen Bundesländern. Aber die Kontakte mit den 600 Kilometer westlich gelegenen Niederlanden sind intensiv. Fast zwei Drittel aller ausländischen Investitionen in Sachsen kommen aus den Niederlanden. Das zeugt von gegenseitigem Vertrauen. Gute Chancen für einen Ausbau der Zusammenarbeit bestehen in den Bereichen Bioenergie und Grüne Chemie. Heute Nachmittag besuchen wir ein Treffen, bei dem diese Zusammenarbeit im Mittelpunkt steht.

Die Niederlande fühlen sich in besonderer Weise mit Deutschland und nicht zuletzt auch mit den östlichen Bundesländern verbunden. Es ist unser inniger Wunsch, dass unser Besuch zu einer noch stärkeren Verbundenheit beitragen möge.


Darf ich Sie nun bitten, mit mir das Glas zu erheben:

auf Ihre Gesundheit, Herr Ministerpräsident und Frau Tillich!
auf die Freundschaft zwischen Sachsen und den Niederlanden!