Ansprache Seiner Majestät des Königs beim Staatsbankett im Rahmen des Staatsbesuchs in der Bundesrepublik Deutschland

Herr Bundespräsident, Frau Büdenbender,

für Ihren warmherzigen Empfang hier in Berlin möchten wir Ihnen beiden recht herzlich danken. Meine Frau und ich freuen uns sehr, dass wir bei Ihnen zu Gast sein dürfen. Fast anderthalb Jahre lang war ein Besuch wie dieser nicht möglich. Aber jetzt, zu Beginn des Sommers, kann endlich stattfinden, worauf wir uns schon so lange gefreut haben: ein Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland,  
unserem Nachbarland, mit dem wir uns so eng verbunden fühlen!

Er bildet den krönenden Abschluss einer ganzen Reihe von Besuchen, die uns in den letzten acht Jahren in die verschiedenen Bundesländer geführt haben. Doch für uns ist dieser Besuch noch mehr – er ist ein Symbol von Hoffnung und neuem Optimismus nach einer beklemmenden Zeit.

Als es darauf ankam, zeigte sich die wahre Stärke unserer Freundschaft. 

Als die Intensivstationen bei uns ausgelastet waren, nahmen Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen niederländische Patienten auf und blieben die Grenzen zwischen unseren Ländern offen. Wir werden die Solidarität unserer deutschen Nachbarn niemals vergessen.

Dieser Staatsbesuch spiegelt unsere breitgefächerte Zusammenarbeit wider. Doch heute möchte ich über etwas sprechen, was tiefer reicht. Denn unter dieser vielfältigen Zusammenarbeit liegt ein starkes Fundament. Ein Fundament aus enger Freundschaft. Aus großem Vertrauen. Aus einer Verwandtschaft im Geiste. Und auch aus Stolz darüber, dass wir Seite an Seite stehen, in Europa und in der Welt. 

Einen überragenden Beitrag dazu hat Bundeskanzlerin Merkel geleistet. Fast sechzehn Jahre lang war sie auch für die Menschen in den Niederlanden ein Fels in der Brandung in einer unsicheren Welt. Sie ist den Holländern ans Herz gewachsen.

In ihrer Rede zu unserem Befreiungstag, dem fünften Mai, ging sie schwierigen Themen nicht aus dem Weg. 

»Vergangenes können wir nicht ungeschehen machen«, sagte sie. »Daraus die richtigen Lehren zu ziehen, das jedoch können und das müssen wir.«

Die Erinnerungen an damals und, ja, auch der Schmerz, sind immer noch da. Aber wir haben es gemeinsam geschafft, aus dem langen Schatten der Geschichte herauszutreten.

Eines der Merkmale des modernen Deutschland ist die Fähigkeit, mit Klarheit und Mut über sich selbst zu reflektieren. Selbstkritik ist eine große Kraft. 
Nicht viele Länder sind dazu in der Lage. Ihr Land ist darin ein Vorbild. Diese Fähigkeit ist einer der Gründe, warum in Deutschland Freiheit, Recht und moralisches Bewusstsein so stark verankert sind.

Die Bundesrepublik Deutschland operiert behutsam und verbindend. Wir wissen Deutschlands besondere Rolle auf der Weltbühne sehr zu schätzen. Bescheidenheit gilt hierzulande als wichtige Tugend. Das ist lobenswert ... Aber zu große Bescheidenheit wäre aus unserer Sicht auch nicht angemessen.
Deutschland setzt sich aus voller Überzeugung für Zusammenarbeit und Solidarität in Europa ein. Gemeinsam mit Ihnen übernehmen wir dafür sehr gern Verantwortung. Freiheit, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit finden Schutz unter dem Dach der Europäischen Union. Auch eine nachhaltige Entwicklung ist ohne die Bündelung europäischer Kräfte nicht möglich. 

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Energiewende, die dafür sorgen soll, dass auch in Zukunft ein gutes Leben auf unserem Planeten möglich ist.  
Europa zeigt Ehrgeiz im Kampf gegen den Klimawandel. Es ist großartig, dass unsere Länder dabei gemeinsam vorgehen und sich auch schon bei der Entwicklung von Plänen miteinander abstimmen. 

Morgen reden wir im Haus der Deutschen Wirtschaft über Wasserstoff. Das Thema zeigt stellvertretend für viele andere, wie deutsche und niederländische Wissenschaftler und Unternehmer einander buchstäblich Energie liefern.  

Es nötigt uns Respekt ab, welchen Stellenwert Wissen, fachliches Können und praktische Fertigkeiten in der deutschen Gesellschaft haben. Man muss schon – wenn ich das so sagen darf – einiges auf dem Kasten haben, um auf diesem Niveau mithalten zu können. Die vielen Niederländer, die hier aktiv sind, fühlen sich dadurch auf höchst angenehme Weise herausgefordert.

Unser Staatsbesuch – so hoffen wir – verleiht der bestehenden Zusammenarbeit in fast allen Lebensbereichen einen zusätzlichen Impuls.
Dieser Besuch ist nicht nur ein Staatsbesuch, er ist auch die letzte Station auf unserer langen Deutschlandreise durch alle Bundesländer, die vor acht Jahren begann. Wir empfinden es als große Ehre, gerade hier in Berlin unsere Grand Tour abschließen zu dürfen. Diese Stadt zeigt eindrucksvoll, dass wir keine Gefangenen der Vergangenheit sind und dass aus Versöhnung und Verbindung Glück erwachsen kann.

Herr Bundespräsident und Frau Büdenbender, 
wenn Sie gestatten, schließe ich mit einer Strophe aus Johann Wolfgang Goethes »Bundeslied«. Sie beschreibt recht gut die Atmosphäre nicht nur hier und heute Abend, sondern auch der deutsch-niederländischen Beziehungen insgesamt!

Wer lebt in unserm Kreise,
Und lebt nicht selig drin?
Genießt die freie Weise
Und treuen Brudersinn!
So bleibt durch alle Zeiten
Herz Herzen zugekehrt;
Von keinen Kleinigkeiten
Wird unser Bund gestört.

Ich danke Ihnen.